Was soll ich tun?

 

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2015

8 Liter Schweineblut auf ca. 63 m Papier

Was soll ich tun?

„Was soll ich tun?“ ist eine der vier Fragen Kants, denen er sich in seinen philosophischen Überlegungen widmete. Während sich die anderen Fragen auf Erkenntnistheorie, Religionsphilosophie und Anthropologie beziehen, ist die Frage „Was soll ich tun?“ auf die praktische Philosophie, also die Ethik gerichtet. Sie bildet die grundlegende Frage für Kants Auseinandersetzung mit Ethik, die er in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten formulierte, und die er dort in der Form des kategorischen Imperativs als Grundlage moralischen Handelns ausarbeitete.

Mit der Titelgebung ihrer Arbeit greift Ruth Bergmann damit die philosophische Herangehensweise an moralisches Handeln auf. Gleichzeitig erinnert sie die betrachtenden Personen daran, dass sie bei ihrem Handeln nie frei von moralischen Fragen sind.

Auf die Anfrage in einer Schlachterei, ob sie etwas von dem anfallenden Blut haben könne, händigte man der Künstlerin einen Eimer mit acht Litern Schweineblut aus, da dieses nicht in kleineren Mengen herausgegeben würde. Da Bergmann eigentlich zunächst ausprobieren wollte, ob sie mit der Verwendung von Blut zurecht käme, fand sie sich vor einer neuen Herausforderung, aus der Was soll ich tun? entstand.

Im Durchschnitt acht Liter Blut befinden sich im Körper eines Mastschweins mit einem Körpergewicht von 100 Kilogramm zum Zeitpunkt seiner Schlachtung. Nach dem Schlachten der Tiere müssen diese zunächst ausbluten, bevor ihr Körper zu Fleisch weiterverarbeitet wird. Das dabei anfallende Blut, ein Abfallprodukt der Schlachtindustrie, wird anschließend für alle möglichen Bereiche als Binde- oder Färbemittel verwendet – ob für Kosmetika, Kunststoff, Nahrungsmittel oder Papier. Fast 30 Millionen Schweine werden jedes Jahr in Deutschland geschlachtet – Tendenz steigend. Dabei fallen etwa 240 Millionen Liter Blut an; ein Teil davon wird weiterverarbeitet, ein großer Teil jedoch muss entsorgt werden und stellt damit ein massives Problem der Schlachtindustrie dar.

Für die Arbeit Was soll ich tun?, die 2014 entstand, betropfte Ruth Bergmann mehrere, 43 Zentimeter breite, Papierbahnen mit acht Litern Schweineblut. Die daraus entstandenen etwa 60 Meter werden bei Ausstellungen in losen Schleifen aufgestellt, sodass die Breite der Bahnen die Höhe des Objekts darstellt. Wie die Installation anschließend aussieht, hängt von der jeweiligen Raumsituation ab; in Traunstein nehmen die mäandernden Bahnen dabei insgesamt eine Fläche von 4 x 4 Metern ein.

Die unregelmäßige Struktur des Werkes ist auf die verwendete Technik und damit verbundene Faktoren zurückzuführen: die Künstlerin fertigte die Arbeit über Monate hinweg an. Die unterschiedlich schnelle Gerinnung des Blutes, die von der jeweiligen Außentemperatur abhing, sorgte für die verschiedenen Farbabstufungen der Papierbahnen. So sind sie an einige Stellen dunkelbraun, fast schwarz, während andere in einem hellen, transparent erscheinenden Rosa gehalten sind.

Durch die flexible Form der Installation kann Ruth Bergmann diese optimal an die jeweilige Ausstellungssituation anpassen. Was soll ich tun? kann also nie losgelöst von seinem seinem Umraum betrachtet werden und entfaltet sowohl seine eigene Gestalt als auch seine Wirkung von Ort zu Ort unterschiedlich.

In ihrer Farbgestaltung erinnert die Arbeit an die Colour Field Paintings von Mark Rothko, die in der Rothko Chapel in Houston hängen, und für die Rothko großformatige Leinwände monochrom mit einem dunklen, erdigen Rot-Braun bemalte. Die dadurch entstandenen Strukturen durch Pinselstriche und Farbdichte erzeugten eine Modulation von Rot-Braun-Tönen, die schließlich die starke Ästhetik dieser Bilder ausmacht. Anders als Rothko trug Ruth Bergmann jedoch das Blut, das hier die Funktion der Farbe übernimmt, nicht mit dem Pinsel auf, sondern tropfte es auf das Papier. Sie verweigerte sich also der Nutzung des Blutes als Malfarbe im eigentlichen Sinne und nutzte stattdessen ein Dripping-Verfahren, um das Schweineblut auf den Bildträger zu bannen.

Was soll ich tun? lebt vom Kontext, in dem es betrachtet wird – sowohl auf der formalen als auch auf der inhaltlichen Ebene. Die formale Ästhetik des Werks entsteht durch die Rotmodulationen, die mäandernd durch den Raum fließen und hierbei durch ihre Ausbreitung, die Dichte oder Weite der Schlaufen, in Kommunikation mit dem Raum stehen. Der Ausstellungsraum bildet also den formalen Kontext, er gibt der Arbeit ihre Begrenzung und bestimmt ein Stück weit ihre Erscheinung.

Den inhaltlichen Kontext bildet die Massentierhaltung – oder in diesem Fall speziell die Schlachtindustrie –, in der Blut ein problematisches Abfallprodukt darstellt. Das Blut, das für die Konsumenten normalerweise unsichtbar bleibt, obwohl es durch den Kauf von Fleischprodukten an ihren Händen klebt – schließlich ermöglicht erst eine Nachfrage nach einem Produkt auch seine Herstellung –, wird im Werk von Ruth Bergmann sichtbar. Die betrachtende Person wird dadurch zum Hinterfragen ihrer eigenen Rolle innerhalb dieser Strukturen und ihrer Verantwortlichkeit angeregt, bis sie sich vielleicht schließlich selbst die Frage stellt: „Was soll ich tun?“.

 

Text: Laura Kubitzek